Indem das Projekt nachmittags an die Ferienschule anschließt, erreicht es insbesondere Jugendliche, die häufig einen erschwerten Zugang zu außerschulischen Bildungsgelegenheiten haben. Wie der Ferienworkshop genau funktioniert, davon berichten Initiator Kolja Kaspczyk (vhs Berlin Mitte, Sachgebietsleitung Digitales Lernen) und die Formatentwicklerin und Workshopleiterin Elle Langer (pimento formate GmbH) im Interview.
„Beyond Reality – NextGen Studio“ ist ein Projekt, das nachmittags an die Ferienschule der vhs Berlin Mitte anschließt. Können Sie kurz etwas zur Ferienschule erzählen und dazu, warum es eine gute Idee war, den Workshop direkt an diese anschließen zu lassen?
Kolja Kaspczyk (vhs Berlin Mitte): In der Ferienschule bietet die vhs Berlin Mitte Intensivunterricht in Mathematik, Sprachen und Deutsch als Zweitsprache an. Die Kampagne des Bezirksamtes Mitte von Berlin, „#mittemachtsauber“, ermöglichte es uns, die Ferienschule um „Beyond Reality“ zu ergänzen. Aus dem Kampagnenrahmen konnten die Finanzierung, die Einbettung in die Ferienschule und die Beauftragung von pimento formate zur pädagogischen Durchführung realisiert werden.
Ziel war es, gemeinsam innerhalb dieses kommunalen Rahmens einen niedrigschwelligen Bildungsraum zu schaffen, in dem junge Menschen kreativ mit BNE, Future Skills und eigenen Zukunftsideen in Berührung kommen.
„Ziel war es, innerhalb des kommunalen Rahmens einen niedrigschwelligen Bildungsraum zu schaffen, in dem junge Menschen kreativ mit BNE, Future Skills und eigenen Zukunftsideen in Berührung kommen.“
(Kolja Kaspczyk)
Der eigene Kiez und die Lebenswelt der Jugendlichen bildeten im Rahmen von „Beyond Reality“ dabei den Ausgangspunkt, um alltagsnah in einen gemeinsamen Gestaltungsprozess zu kommen. Künstliche Intelligenz (KI), Augmented-Reality (AR)- und Virtual-Reality-Tools bieten hierfür sehr spielerische, interaktive Möglichkeiten und können gleichzeitig als Experimentier- und Reflexionsraum genutzt werden.
Nachhaltigkeit wird häufig als ein sehr abstraktes Thema empfunden. Wie haben Sie es geschafft, die Jugendlichen dafür zu interessieren?
Elle Langer (pimento formate): Meine Kollegin Frida Schuch und ich haben den Workshop alltagsrelevant gestaltet. Wenn wir nach Unterrichtsschluss zunächst gemeinsam gekocht haben, kamen z.B. Themen wie Mülltrennung und Food Waste auf.
Im Workshop selbst hatten die Jugendlichen dann Raum zum Experimentieren und Gestalten mit KI-Tools und VR-Brillen. Sie haben sich 360-Grad-Videos zu Nachhaltigkeitsthemen angeschaut, haben Poster designt und Songs gepromptet – immer zu Themen, die ihnen wichtig waren, wie Freundschaft, dem Herkunftsland ihrer Familien oder Hobbies.
Gleichzeitig haben wir darüber gesprochen, welche Bezüge die Themen zu den 17 Nachhaltigkeitszielen haben. Im Raum hingen dazu Plakate der Nachhaltigkeitsziele, an denen sich die Jugendlichen orientieren konnten.
Dann haben wir die Jugendlichen ganz konkret danach gefragt, was sie in ihrem Kiez Moabit verschönern würden. Die erste Aufgabe für sie bestand darin, rauszugehen und zu fotografieren, was sie im Kiez stört.
Wie ging es weiter mit den Fotos, die die Jugendlichen gemacht haben?
Elle Langer (pimento formate): Die Fotos waren die Grundlage für den folgenden kreativen Verschönerungsprozess. Die Idee war, daraus Kunstwerke mit Augmented Reality zu machen, die einen Vorher-Nachher-Effekt zeigten. Die Jugendlichen haben mit KI-Tools Blumen und bunte Spielplätze designt. Müllberge wurden zu Blumenbeeten, leere graue Straßen waren voller fröhlicher Menschen. Mit einer Augmented Reality-App (AR-App) war das ganz einfach möglich.
„Müllberge wurden zu Blumenbeeten, leere graue Straßen waren voller fröhlicher Menschen.“
(Elle Langer)
Die neuen Inhalte, wie digitale Blumen, ein Video und ein Song, wurden mit dem Editor der AR-App über das Originalfoto gelegt und animiert. Zusätzlich wurden Icons entsprechender Nachhaltigkeitsziele integriert.

Für den Vorher-Nachher-Effekt wurde dann das Originalfoto als Poster ausgedruckt. Mit dem Handy und der AR-App wird das Poster gescannt und plötzlich erscheint die animierte Verschönerung. Auf diese Weise konnten die Jugendlichen ihre Zukunftsvisionen visualisieren und erlebbar machen.
Zum Ende der Ferienschule haben wir in den Räumlichkeiten der Volkshochschule mit den entstandenen AR-Kunstwerken eine kleine Ausstellung organisiert, zu der alle Schüler:innen und Kursleiter:innen der Ferienschule eingeladen wurden. Die Jugendlichen präsentierten ihre Werke selbst, es entstanden Gespräche über Nachhaltigkeitsthemen und über die Zukunftswünsche der Jugendlichen.
Abschließend noch einmal auf den Punkt gebracht: Was ist das Besondere an eurem Projekt und warum würde es sich auch für andere Kommunen lohnen, etwas Ähnliches zu initiieren?
Kolja Kaspczyk (vhs Berlin Mitte): Das Besondere ist der Prozess und die Dynamik, die mit dem Projekt entstanden sind. Die rege Teilnahme, die Ideenvielfalt und die Intensität, mit der die jungen Menschen beteiligt waren, haben aus unserer Sicht bestätigt, wie wichtig leicht zugängliche Bildungsräume sind – und dass es dafür wichtig ist, „out-of-the-box“ zu denken, um Bildungsformate auch unkonventionell gestalten zu können.
Es war vor allem schön, dass die Jugendlichen sich im Projekt sehr schnell als Gemeinschaft und als selbstwirksam erlebt haben. Jugendliche haben nicht nur das Bedürfnis, sich auszuprobieren und gesehen zu werden, sondern auch ganz konkrete Ideen und Wünsche, Zukunft zu gestalten – oftmals fehlen ihnen aber die nötigen Ressourcen. Damit die Potenziale sichtbar werden, braucht es nicht nur Investitionen in Räume, sondern auch in eine sensible pädagogische Begleitung, aktive Ansprache, Flexibilität und individuelle Unterstützung.
„Das Projekt hat eine Tür geöffnet, um Nachhaltigkeit und Zukunftsfragen direkt über eine gemeinsame, persönliche Ebene erreichbar und ausdrückbar zu machen.“
(Elle Langer)
Elle Langer (pimento formate): Und hier haben wir gemerkt, dass das Projekt eine wichtige Tür geöffnet hat, um Nachhaltigkeit und Zukunftsfragen direkt über eine gemeinsame, persönliche Ebene erreichbar und ausdrückbar zu machen.
Besonders stark war der offene Charakter des Formats: Viele Jugendliche konnten unkompliziert und spontan teilnehmen. Projekte wie „Beyond Reality – NextGen Studio“ lohnen sich letztendlich auch für die Gestaltung einer Zukunft, in der wir alle leben möchten. Dafür braucht man natürlich Unterstützung auf politischer Seite. Bedarfe müssen gesehen, entsprechend initiiert und finanziert werden.
Erarbeitet wurde das Praxisbeispiel von FABINEK-Mitarbeiterin Dr. Katrin Otremba.



