BNE-Netzwerkkoordination
Damit alle Menschen einer Kommune Zugang zu Angeboten haben, um sich hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung bilden zu können, müssen unterschiedliche
Akteur:innen innerhalb kommunaler Bildungslandschaften zusammenarbeiten,
z. B. aus Verwaltung, (non-)formaler Bildung oder Wirtschaft. Netzwerke gelten als zentrale Struktur, um Lernorte zu verbinden, Wissen zu bündeln und gemeinsame Transformationsprozesse anzustoßen. Damit BNE-Netzwerke ihr Potenzial entfalten können, benötigen sie verbindliche Strukturen, eine verlässliche Koordination und eine gemeinsame inhaltliche Grundlage.
Diese Handreichung gibt praxisnahe Tipps zur Koordinierung von BNE-Netzwerken und ermutigt Akteur:innen, kommunale Netzwerke aufzubauen, weiterzuentwickeln oder neu zu initiieren. Grundlage hierfür ist ein Interview mit der langjährigen Prozessbegleiterin Dr. Angela Firmhofer, die viele Modellkommunen des ehemaligen BNE-Kompetenzzentrums bei der strukturellen Verankerung von BNE in kommunalen Bildungslandschaften unterstützt hat.
Weiterführende Informationen zu Netzwerken und zur Netzwerkkoordination finden sich in unserer Infothek zu den Handlungsfeldern Netzwerke und Kooperation sowie Steuerung und Koordination.
Die Person der "Auf-den-Weg-Bringerin"
Damit Netzwerke funktionieren, sind nicht nur Faktoren wie eine klare Zielsetzung, regelmäßige Treffen, ausreichende finanzielle und zeitliche Ressourcen sowie Vertrauen wichtig. Auch eine verlässliche Koordination ist von zentraler Bedeutung. Prozessbegleiterin Angela Firmhofer empfiehlt daher: "Wenn man ein Netzwerk aufbauen möchte, braucht es eine Person, die koordiniert oder diesen Prozess anleitet, damit die einzelnen Akteure nicht verloren gehen."
Diese Person fragt Bedarfe, Wünsche und Erwartungen ab und erarbeitet davon ausgehend Vorschläge für gemeinsame Ziele und Maßnahmen, über die dann das Netzwerk gemeinsam entscheidet. Ziel dieser Arbeit ist dabei, dass für die Beteiligten nicht der Eindruck entsteht, man nehme lediglich an fremden Projekten teil. Vielmehr sollte die Netzwerkarbeit als gemeinsames neues Projekt erlebt werden. Die koordinierende Person übernimmt daher weniger eine klassische Führungsfunktion, sondern nimmt eher eine "Auf-den-Weg-Bringer"-Rolle ein, die Motivation bündelt, Entscheidungen vorbereitet und den Prozess flankiert, in dem sie z. B. Veranstaltungen moderiert und Kontakte pflegt.
Tipp 1: Persönlicher Kontakt als Grundlage vertrauensvoller Zusammenarbeit
Gerade in lokalen oder regionalen BNE-Netzwerken bildet das persönliche Kennenlernen die zentrale Basis für Kooperation. Eine initiale, direkte Ansprache kann dabei hilfreich sein: Angela Firmhofer berichtet von einer Mitarbeiterin aus einem Bildungsbüro, die beim Aufbau eines neuen BNE-Netzwerkes "persönlich bei den einzelnen Personen vorgesprochen und sich vorgestellt hat" – ein Vorgehen, das Vertrauen schafft und die Bedeutung der Netzwerkkoordination unmittelbar erfahrbar macht.
Initiale Treffen zur Netzwerkbildung, bei denen sich pädagogische Fachkräfte, Verwaltungsmitarbeitende, Initiativen oder engagierte Bürger:innen vorstellen und ihre Rollen, Interessen und Motivation teilen, schaffen Verbindung und eine gemeinsame Basis der Zusammenarbeit. Solche Begegnungsräume sorgen dafür, dass die Netzwerkpartner:innen wissen, wer mit welchen Kompetenzen beteiligt ist und wo gemeinsame Anknüpfungspunkte liegen.
Tipp 2: Klarer Nutzen und gemeinsame Ziele schaffen Orientierung und sichern Motivation
Menschen engagieren sich in Netzwerken, wenn sie darin einen konkreten Nutzen erkennen. Damit ein Netzwerk funktioniert, braucht es folglich einen klaren Mehrwert und gemeinsame Ziele. Angela Firmhofer betont: "Es muss am Anfang klar sein, dass man festlegt, warum wir ein BNE-Netzwerk gründen. (…) Sonst zerbröckelt es wieder."
Daher sollte die koordinierende Person oder Stelle gemeinsam mit den Netzwerkpartner:innen darüber reflektieren, wofür es das Netzwerk gibt und welche Probleme gemeinsam besser als alleine gelöst werden können. Eine transparente Zielrichtung – worauf wird hingearbeitet, wohin soll sich das Netzwerk entwickeln – bildet eine zentrale Grundlage für Verbindlichkeit und Beteiligung. Fehlen Mehrwert und gemeinsame Ziele, droht der Verlust von Engagement: Teilnehmende "verlassen das Netzwerk wieder, weil sie nicht das bekommen, was sie wollten" und ihre Ressourcen nicht zielgerichtet eingesetzt sehen.
Individuelle Erwartungen erfassen, Mehrwerte suchen und Ziele festlegen!
Tipp 3: Gemeinsames Verständnis von BNE entwickeln
Weiterhin schafft ein gemeinsam entwickeltes BNE-Verständnis Klarheit und verhindert Missverständnisse: "Was ist für die eine Person Nachhaltigkeit, was ist für die andere Person Bildung für nachhaltige Entwicklung? Da kann es sehr große Unterschiede geben und der Austausch ist wichtig, weil man sonst am Ende immer aneinander vorbeiredet."
Eine Auseinandersetzung mit dem BNE-Begriff ist auch hilfreich, um zu klären, was aus Sicht der Netzwerkpartner:innen ein BNE-Angebot ist (und was nicht). Eine Definition von BNE kann auch die Entscheidung unterstützen, welche Akteur:innen mit welchen Arbeitsschwerpunkten vielleicht noch in das Netzwerk einbezogen werden sollten, um alle Dimensionen des BNE-Verständnisses abzubilden. Folglich ist eine gemeinsame Begriffsklärung kein einmaliger Schritt, sondern ein kontinuierlicher Austauschprozess, der die Qualität und Kohärenz des Netzwerkes stärkt. Auch diese Aufgabe sollten Netzwerkkoordinator:innen im Auge behalten, indem sie z. B. diesen Prozess initiieren und moderieren.
Zur Frage, welchen Beitrag ein gemeinsames BNE-Verständnis für die weitere Zusammenarbeit leistet, gibt es einen vertiefenden Text in unserer Infothek.
Tipp 4: Projekte und Austausch sinnvoll kombinieren
Netzwerke leben von Austausch – doch erst gemeinsame Projekte zeigen, wie gut die Zusammenarbeit funktioniert. Sie bieten die Chance, Verantwortung zu teilen, Rollen auszuprobieren und zu erkennen, welche Strukturen tragfähig sind. Viele Netzwerke kombinieren daher beides: Austauschformate, die Impulse geben und Beziehungen stärken, sowie Projektformate, die konkrete Wirkungen entfalten. Auch Angela Firmhofer weist darauf hin, dass sie in ihrer Begleitarbeit "explizit darauf geachtet hat, dass es eine Mischung aus Austausch und direkt auch Projekten" gab.
Ein wirkungsvoller Einstieg in die Projektarbeit kann z. B. darin bestehen, an vorhandene Termine oder Formate anzudocken: Stadtfeste, Nachhaltigkeitstage, Mobilitätswochen, Weltfrauentag, Veganuary – viele Ereignisse bieten bereits etablierte Strukturen und eine breite Öffentlichkeit. Angela Firmhofer erklärt dazu: "Die Organisationsstruktur zu dem Event existiert ja schon – das macht den Einstieg leichter." Auch kleine Pilotprojekte können wertvoll sein und das Vertrauen der Beteiligten stärken.
Tipp 5: Netzwerke in ihrem Wandel begleiten
Netzwerke sind dynamisch, wie Angela Firmhofer erklärt: "Sie haben immer etwas Gegenwärtiges und richten sich auch in die nähere Zukunft, weil Menschen kommen und gehen." Je nach Phase des Netzwerkes - Anfangsphase oder langjähriges Netzwerk - variieren die Aufgaben von Netzwerkkoordinator:innen.
Die Startphase eines Netzwerkes ist prägend. Hier entsteht die Kultur der Zusammenarbeit: Offenheit, Verlässlichkeit, Transparenz und gegenseitige Wertschätzung sind zentral. In dieser Phase sollten genügend Zeit und Ressourcen eingeplant werden, um persönliche Kontakte zu stärken, ein gemeinsames BNE-Verständnis zu entwickeln und die Zielrichtung abzustimmen. Früh etablierte Routinen – etwa regelmäßige Treffen, klare Kommunikationswege oder ein gemeinsames Dokumentationssystem – erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass das Netzwerk später stabil bleibt.
Zwei interessante Ansätze, damit sich die Beteiligten eines neuen BNE-Netzwerkes besser kennenlernen, zeigen der Trierer BNE-Rundlauf und die Arbeit an einer BNE-Projektbroschüre in Neustadt an der Weinstraße.
Netzwerkkoordinator:innen können auch die gemeinsame Entscheidungsfindung unterstützen. Frühzeitig sollten sie mit den Beteiligten klären, wie Entscheidungen getroffen werden – etwa durch Konsens, Mehrheitsentscheid oder im Rahmen von themenspezifischen Arbeitsgruppen, wenn Netzwerke sehr groß sind. Auch wenn Interessensunterschiede bestehen, können Untergruppen hilfreich sein, um Themen gezielt weiterzubearbeiten. Entscheidend für diesen Prozess ist, dass "unterschiedliche Wünsche und Projektideen gewürdigt und wahrgenommen" werden.
Mit wachsender Größe wird es umso wichtiger, eine gleichberechtigte Beteiligung der Netzwerkpartner:innen zu sichern, damit "jede Person auf einer Ebene mit allen anderen ist und zu Wort kommen kann". Regelmäßige Bedarfsabfragen unterstützen die langfristige Stabilität. Dabei sollten auch organisatorische Parameter berücksichtigt werden: Zeitaufwand, Frequenz der Treffen, Ressourcen und realisierbare Maßnahmen.
Personalwechsel, Umstrukturierungen oder Kürzungen können Prozesse ins Stocken bringen. Aufgaben der Netzwerkkoordination sind dann beispielsweise das erarbeitete Wissen des Netzwerkes zu sichern, neue Personen einzubinden und deren Expertise zu nutzen, um Netzwerke thematisch zu erweitern. Auch ein sensibler Umgang mit solchen Veränderungen ist entscheidend. So ist es laut Angela Firmhofer wichtig, dass "man diejenigen wieder motiviert, die schon länger mit dabei waren". Außerdem gilt es, sich die Bedeutung und den Mehrwert des Netzwerkes regelmäßig klarzumachen, da "der gemeinsame BNE-Nenner ja auch immer weiterwachsen kann, wenn andere Menschen dazukommen". Gerade in Zeiten knapper Ressourcen zeigt sich dann, wie tragfähig eine gemeinsame Basis und stabile Beziehungen sind.
Einen weiteren Einblick in die Aufgabe der Netzwerkkoordination gibt die BNE-Beauftragte Jeanette Braun aus dem Landkreis Lüneburg.
Fazit: Schrittweise starten, gemeinsam wirksam werden
BNE-Netzwerke entfalten ihre Kraft, wenn persönliche Beziehungen, fachliche Orientierung und gemeinsame Projekte ineinandergreifen. Sie sind Räume, in
denen Kommunalverwaltungen, Bildungseinrichtungen und Zivilgesellschaft gemeinsam handeln, voneinander lernen und nachhaltige Impulse setzen können.
Die Praxis zeigt: Es braucht nicht den perfekten Start. Vielmehr genügt ein schrittweises Vorgehen – eine koordinierende Stelle schaffen, Menschen persönlich ansprechen, Erwartungen klären und kleine Projekte ermöglichen. So können BNE-Netzwerke wachsen und zu wichtigen Gestaltern nachhaltiger Bildungslandschaften werden.

